Vom Sportunterricht in den Verein

Vom Sportunterricht in den Verein
Ein Gespräch mit Christina Hering über Schulsport, Vereinswesen und die Rolle von Bewegung im Alltag.
Christina, du bist in München aufgewachsen, hast lange hier gelebt und bist nach deiner aktiven Karriere wieder zurückgekehrt. Was bedeutet dir die Stadt?
München ist für mich Heimat. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine sportliche Laufbahn begonnen. Ich verbinde mit der Stadt viele positive Erinnerungen an Schule, Training und an die Menschen, die mich begleitet haben. Nach meiner aktiven Zeit war für mich klar, dass ich wieder zurückkomme.
Wenn du an deine Schulzeit zurückdenkst, welche Rolle spielte der Sportunterricht damals in deinem Leben?
Sportunterricht war für mich immer ein Highlight. Ich hatte tolle Lehrerinnen und Lehrer, die viel Abwechslung geboten haben. Es ging nicht nur um Leistung, sondern um das Spielen im Team und darum, Neues auszuprobieren.
Du hast früh zum Leichtathletik-Verein gefunden. Wie war der Sport dort im Vergleich zur Schule?
Im Verein war alles spezialisierter und leistungsorientierter. Da ging es um Verbesserung und Wettkämpfe. In der Schule war der Sport breiter aufgestellt, wir haben viele verschiedene Sportarten kennengelernt. Beides hat sich gut ergänzt – die Vielfalt aus der Schule und die gezielte Förderung im Verein.
Wie hast du in deiner Schulzeit Training und Schule unter einen Hut bekommen? Gab es besondere Unterstützung?
Ich habe lange sehr überschaubar trainiert, ungefähr zwei Mal pro Woche. Für mich war es hilfreich, dass ich in der Schule gut mitkam und deshalb keine Probleme hatte. Bei vielen Vereinskameradinnen und -kameraden war der Übergang aufs Gymnasium schwieriger. Oft sagten die Eltern: erst lernen, Sport streichen. Das fand ich schon als Kind unlogisch, weil man die gestrichene Trainingszeit nicht einfach fürs Lernen genutzt hätte. Umso wichtiger ist, dass Sport auch in der Schule stattfindet. Bei uns ist der Sportunterricht allerdings häufig ausgefallen. Mit drei bis vier Stunden im Monat lernt man kaum eine Sportart richtig.

Christina Hering | ©Dominik Bedat
Du kennst beide Welten – den Schulsport und das Vereinswesen. Wo ergänzen sie sich, wo gibt es Nachholbedarf?
Schule und Verein können sich gegenseitig sehr gut ergänzen, wenn sie zusammenarbeiten. Die Schule kann für Bewegung begeistern, der Verein kann gezielt fördern. Aus meiner Sicht braucht es mehr Schnittstellen, damit Talente im Schulsport erkannt werden und Kindern der Übergang vom Schulsport in den Vereinssport erleichtert wird.
Du warst über Jahre eine der erfolgreichsten deutschen 800-Meter-Läuferinnen. Wie sieht dein sportlicher Alltag heute aus?
Laufen bleibt meine Lieblingssportart, aber ich probiere jetzt auch gerne andere Sportarten aus. Früher war der Trainingsplan sehr strikt, heute kann ich spontan entscheiden, worauf ich Lust habe. Ich habe gemerkt, dass ich auch ohne Leistungssport ein Ziel brauche – das steckt einfach in mir. Diese Zielstrebigkeit ist etwas, das ich aus meiner aktiven Zeit mitgenommen habe. Bewegung bleibt so oder so ein fester Bestandteil meines Lebens.
Welche Bedeutung hat Sport heute für dich?
Sport hat natürlich eine riesige Bedeutung für mich. Er ist für mich Ausgleich und Lebensqualität. In meiner Pubertät hat mir der Sport geholfen, meinen Körper besser zu verstehen und zu akzeptieren. Und der Leistungssport hat mir neben großen Erfolgserlebnissen auch über viele Jahre Struktur gegeben.
Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Sport und Bewegung im Alltag mehr gefördert werden?
Es braucht leicht zugängliche Angebote, am besten wohnortnah und kostengünstig. In der Schule sollte Bewegung selbstverständlich sein und das nicht nur im Sportunterricht, sondern auch in Pausen oder durch kurze Aktivphasen im Unterricht. Und natürlich braucht es Menschen, die Kinder und Jugendliche motivieren und ihnen Freude an Bewegung vermitteln.

