Sport muss Begeisterung auslösen, nicht abschrecken
Vom Sportunterricht in den Verein
Dr. phil. Thomas Froschmeier, Dozent an der TUM, spricht mit uns über seinen Werdegang, gute Sportlehrkräfte und die Zukunft des Schulsports.
Thomas Froschmeier, wir sitzen hier in einer Sporthalle der Technischen Universität München. Du bist heute Dozent an der Universität, aber wie war das eigentlich früher? Welche Erinnerungen hast du an deinen eigenen Schulsport?
Ich war als Kind extrem sportbegeistert, aber der Sportunterricht hat mich ehrlicherweise nie wirklich gepackt. Ich erinnere mich am Gymnasium an endlose Sitzfußballstunden, militärisch anmutende Sportlehrer und sehr wenig Abwechslung. Die eigentliche Freude am Sport habe ich außerhalb der Schule erlebt: beim Bergsteigen, Skifahren, Tennis oder Wassersport mit meiner Familie.
Wie kam es dann dazu, dass du selbst Sportlehrer wurdest?
Der entscheidende Impuls kam, als ich im Alter von 15 Jahren angefangen habe, als Skilehrer für Kinder zu arbeiten. Da habe ich gemerkt: Mit den Kleinen kann ich richtig gut. Die Begeisterung, die Rückmeldung, die enormen Lernfortschritte – das hat mich total gepackt. Nach dem Abitur stand ich dann vor der Wahl: Baustoffhandel, wie es mein Vater wollte, oder eben Lehramt. Ich habe mich heimlich für Letzteres eingeschrieben und Lehramt für Grundschule studiert. Parallel war ich immer aktiv: Ich habe Kinderturnspiele unterrichtet, später dann auch im Fitnessstudio Aerobic-Kurse gegeben.
Wie war deine Zeit als Lehrkraft?
In Dorfen habe ich an einer großen Grundschule unterrichtet. Die Kinder hatten einen riesigen Bewegungshunger, und ich konnte viele eigene Ideen ausprobieren. Später wechselte ich an eine Mittelschule, an der ich 27 Stunden pro Woche Sport unterrichtet habe – quer durch alle Jahrgangsstufen. Das war extrem fordernd, aber auch prägend: Ich habe dort erlebt, wie wichtig neue Sportideen, Beziehung und Begeisterung im Sportunterricht sind.

Du hast dann die Seite gewechselt und dich seitdem um die Ausbildung von Lehrkräften gekümmert.
Über meine Tätigkeit als Fachberater für Sport kam ich zur staatlichen Lehrerfortbildung. Es war eine spannende Aufgabe, bei der ich Fortbildungen in ganz Bayern mitgestaltet und selbst durchgeführt habe. Nach acht intensiven Jahren ergab sich dann die Möglichkeit, an die TUM zu wechseln. Hier leitete ich das Didaktikfach Sport für angehende Grund- und Mittelschullehrkräfte und kann dort bis heute genau das weitergeben, was ich über die Jahre selbst an innovativen Ideen entwickelt habe.
Wie nimmst du die aktuelle Situation der Sportlehrkräfte wahr?
Die Herausforderungen sind riesig: steigende Heterogenität in Bezug auf die Lernvoraussetzungen und die Probleme der Inklusion im Sportunterricht. Viele Lehrkräfte sind damit allein. Ich sehe aber auch eine große Chance: Wenn wir in der Ausbildung methodisch und organisatorisch besser werden, können wir auch mit 30 Kindern in einer Halle guten Unterricht machen.
Die Herausforderungen verschärfen sich durch die Einführung von Ganztagsangeboten und durch fehlende Fachkräfte.
Der Ausbau des Ganztags bietet zwar neue Chancen für mehr Bewegung im Schulalltag, doch vielerorts fehlen die personellen und konzeptionellen Voraussetzungen. Oft übernehmen externe Anbieter einzelne Angebote, ohne dass sie pädagogisch eingebunden oder langfristig wirksam sind. Ich finde: Jeder sollte ein qualitätsvolles Bewegungsangebot bekommen. Dafür braucht es durchdachte Konzepte, eine bessere Verzahnung mit dem Unterricht und vor allem ausreichend ausgebildetes Personal. Hip-Hop für die 4b allein reicht da nicht aus. Die Verantwortung muss bei sportunterrichtsaffinen Lehrkräften bleiben – nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich.
Du hast dich auch kritisch über die Leistungsorientierung im Grundschulsport geäußert.
Leistung gehört zu Bewegung, Spiel und Sport. Aber gerade im Grundschulalter geht es darum, Freude und Teilhabe zu vermitteln. Der Fokus darf nicht zu sehr auf Vergleich und Bewertung liegen. Wenn wir die Kinder zu früh in Leistungsraster pressen, verlieren wir viele. Das bedeutet nicht, dass wir auf herausfordernde Inhalte und Kompetenzverbesserungen für jedes Kind verzichten. Wir müssen den Unterricht kindsgerecht gestalten.
Du hast ein eigenes Konzept entwickelt: die „Spiel in Echt“-Methode. Was steckt dahinter?
Die Idee ist simpel: Kinder wollen spielen. Also sollen sie spielen. Aber nicht irgendwann, sondern gleich. Ich versuche, Spielformen zu schaffen, in denen sie automatisch Techniken und Taktiken lernen. Kein Übungsdrill, sondern echtes Spiel! Das motiviert und wirkt nachhaltiger.
Was brauchen Sportlehrkräfte, um das umzusetzen?
Mut, Methodenwissen und Rückhalt. Oft fehlt es daran, weil Schulen auf alten Routinen bestehen. Aber wer eine Sportklasse übernimmt, kann vieles selbst gestalten. Und die Kinder merken sehr schnell, wenn Unterricht anders wird.
Du bist selbst Vater. Welche Rolle spielt Sport in deiner Familie?
Eine große. Wir haben viel gemeinsam unternommen: Skifahren, Surfen und immer einen Teamsport wie Basketball. Dabei ging es mir nie darum, dass sie besonders erfolgreich sind, sondern dass sie im Sport Gemeinschaft erleben, Selbstvertrauen gewinnen und Spaß an Bewegung entwickeln. Heute sind meine Kinder erwachsen, aber diese sportliche Lebenshaltung ist geblieben. Und ich bin überzeugt: Das Fundament dafür wird in der Kindheit gelegt – durch Vorbilder, durch neue Ideen und Erlebnisse, durch Freude an der Bewegung.
Was müsste sich in der Schule ändern, damit das besser gelingt?
Sport sollte nicht nur ein Randfach sein. Eltern müssen verstehen, wie wichtig Bewegung für die Entwicklung ist. Ich bin ein Fan von bewegten Elternabenden, bewegtem Unterricht generell und Sporthausaufgaben. Die Initialzündung muss aber in der Schule passieren.
Welche Rolle spielt der Deutsche Sportlehrerverband dabei?
Der DSLV kann helfen, Lehrkräfte zu unterstützen: mit Fortbildungen, Austausch und neuen Impulsen. Und wir müssen gemeinsam daran arbeiten, das Studium attraktiver zu machen. Gute Sportlehrkräfte braucht es mehr denn je.

