Wie wird mein Kind eine gute Sportlerin, ein guter Sportler?

Gedanken zur sportmotorischen Entwicklung unseres Nachwuchses.

Vorbemerkung: Ein guter Sportler ist ein Mensch, der sich gut bewegen kann, sie oder er muss kein/e Hochleistungssportler/in sein. Nur um Eltern, die das lesen sollten, zu beruhigen, denn wir wissen ja um die Gefahren im und die Freude am Hochleistungssport.

Es gibt Videoaufnahmen von Prof. Jürgen Weineck, Erlangen, die Kinder mit 6 – 8 Jahren zeigen, deren motorische Fähigkeiten nicht ausreichen, einen Hampelmann zu machen oder eine Sprossenleiter hinauf und wieder herunter zu klettern. Da ist in der motorischen Körperentwicklung etwas furchtbar schief gelaufen.

Kommt ein Kind auf die Welt, sind schon alle Nervenzellen und die lebensnotwendigen Verknüpfungen vorhanden. Nun muss erstmal dieser menschliche „Computer“ programmiert werden. Dafür lassen wir uns aber Zeit, nicht Monate, sondern Jahre. Erst lernen wir Krabbeln, dann Gehen, dann Laufen. Allerdings laufen Kinder eigentlich erst mit sechs Jahren, bis dahin wird schnell gegangen. Immer ein Bein am Boden, so wie es auch die Wettkampfvorschrift bei Gehern vorschreibt.

Das Kleinhirn will über die Körperspannung wissen, in welcher räumlichen Lage wir uns befinden. Dieser entscheidende Entwicklungsschritt, das Erlernen der räumlichen Orientierung, ist für ein späteres, exzellentes koordinatives Bewegungsmuster ausschlaggebend. Kopf oben, Kopf unten oder seitlich, frei in der Luft oder mit beiden Beinen am Boden. Diese Information ist enorm wichtig, wenn es später mal im Wettkampf gilt, den Ball rechtzeitig mit dem Kopf zu treffen oder den Ball im Sprung in den Korb zu befördern. Was man langfristig benötigt, muss frühzeitig erlernt werden. Koordinative Fähigkeiten müssen also sobald wie möglich erlernt werden.

Dr. Lenhart vertrat die Ansicht, dass das erste Trainingscamp für zukünftig gute Sportler die Gebärmutter ist. Spätestens aber mit der Geburt sollte dieses „Training“ starten. Säuglinge wollen getragen werden. Hier lernen sie sehr schnell, in welcher Stellung im Raum sie sich befinden. Frau Prof. Diem hat als Beispiel für ein gutes, frühzeitiges Training das Tragen der Babys am Körper der Mutter bei der Feldarbeit, z.B. in Afrika, aufgeführt. Wobei es sicher egal ist, ob es die Mutter oder der Vater ist. Auch Männer können genauso gut die Kinder tragen.

Leider, oder manchmal sagen wir auch Gott sei Dank, kommen unsere Kinder mit dem 6. Lebensjahr in die Schule. Und hier sitzen sie erstmal, stundenlang. Hierbei passiert etwas Ungutes, aber leider auch sehr Physiologisches. Unser Körper reagiert nach dem Muster: was ich nicht benötige, das lerne  und programmiere  ich erst gar nicht. Also zu einem Zeitpunkt, an dem sich unsere Kinder am besten motorisch entwickeln würden, werden sie gebremst. Früher war Herumtoben in der Schulpause streng verboten. Heute sieht man das etwas lockerer, aber das  Bewegungsdefizit auszugleichen, schafft die Schule auch heute noch nicht. Vielleicht bliebe ja im außerschulischen Bereich noch genügend Zeit, um sich mit Freunden und Eltern im Freien oder in der Halle zu bewegen? Wenn da nicht die Hausaufgaben und weitere sitzende Beschäftigungen wären. Bei manchen Kindern dauert es ja Stunden, bis sie alles fertig haben. Die „bösen“ Lehrer haben auch kein Verständnis und geben immer so viel auf.

Eventuell aber kennen einige Eltern doch noch die Arbeiten von Prof. Hartmut Baumann, der schon Anfang der 70er Jahre geschrieben hat, dass gute Sportler auch gute Schülerinnen und Schüler sind. Warum das so ist, dürfte von zwei Komponenten abhängen.

Die erste heißt Muskelspannung. Der Muskeltonus wird im Gehirn im Bereich der formatio retikularis eingestellt, direkt neben dem Wachheitszentrum. Fällt der Muskeltonus ab, wird gleichzeitig die Wachheit herunter reguliert. Man kann gut einschlafen, bzw. wird müde. Das passiert nicht nur Kindern. Aber in der Schule einen nichtsportlichen Muskeltonus zu haben, führt dazu, dass die Aufmerksamkeit nachlässt, man hört nicht mehr zu. Wer aber nicht zuhört, weiß auch am Nachmittag nicht, wie die Hausaufgaben gehen. Wer seine Hausaufgaben nicht selbst macht oder nur abschreibt, dem fehlt die Wiederholung. Wie im Sport, heißt es auch hier üben, üben, üben. Aber dieses sportliche Training macht mehr Spaß, als der „öde“ Unterricht. Das muss nicht sein. Wir alle haben doch Lehrerinnen und Lehrer erlebt, bei denen machte der Unterricht Spaß und die Noten waren gut. Die zweite Komponente heißt: Leistungsbereitschaft. Es macht doch Spaß etwas zu können: Sich im Urlaub auf Italienisch zu unterhalten oder in Latein eine Zwei zu schreiben.

Aber eine Leistungsbereitschaft kommt nicht von ganz allein. Sie muss den Kindern vorgelebt werden und das relativ früh in ihrem Leben. Das darf nicht so verstanden werden, dass wir unsere Kinder frühzeitig in sportliche oder wissenschaftliche Leistungskurse  stecken dürfen. Das bewirkt eher das Gegenteil.

Ein Blick auf die psychologische, emotionale Entwicklung unserer Kinder kann da Aufschluss geben. Thomas A. Harris hat zu diesem Thema ein Buch veröffentlicht, das Weltruhm erlangte: Ich bin ok, Du bist  ok. Darin beschreibt er die Fähigkeiten unserer Kinder sich ihr soziales Verhalten in den ersten Lebensjahren von ihren Eltern oder Bezugspersonen abzuschauen und als richtig abzuspeichern. Es wäre also sehr sinnvoll, wenn in diesen frühen Jahren die Eltern ihre Kinder nicht nur zur körperlichen Aktivität anhalten würden, sondern sie sollten mit gutem Beispiel voran gehen. Wer seinen Kindern zeigt, dass Leistung gesund und positiv sein kann, überwindet vielleicht auf diese Weise unser „Faulheitsgen“, das uns, evolutionsbedingt, zu einer Ruhepause, zum Energiesparen drängt. Denn eigentlich sind wir ja immer noch genetisch geprägt von unseren steinzeitlichen Vorfahren. Nur, die waren viel in Bewegung, haben jagen und sammeln müssen, um zu überleben. Wir müssen uns mehr bewegen, um gesund zu überleben. Nochmals, wir reden hier nicht über den Hochleistungssport, wir reden über ein vernünftiges Maß an körperlicher Aktivität. Ein russischer Zehnkampftrainer hat 1973 auf einem Kongress in Frankfurt auf die Frage, was der Unterschied im Training der deutschen und russischen Athleten sei, geantwortet: „Eure Leute fahren mit Auto ins Training, unsere mit dem Fahrrad.“ Sicher gab es damals auch noch andere Unterschiede, die aber stehen hier nicht zur Debatte.

Wichtig ist, dass wir unseren Kindern die notwendige körperliche Aktivität nicht „ersparen“. Zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren ist sicher sinnvoller, als mit dem Auto gefahren zu werden.

Die ersten 8 – 10 Lebensjahre unserer Kinder sollten ein „studium generale“ im Sport sein. Die grundmotorischen Eigenschaften müssen spielerisch trainiert werden. Das muss kein systematisches Training sein, kann es aber durchaus sein. Die Kindersportschulen sind eine gute, aber leider nicht überall vorhandene Ergänzung für den Schulsport. Mutter und Kind turnen gemeinsam, Väter spielen mit ihren Kindern Tischtennis oder Beachvolleyball. Tanzen ist eine fantastische Weiterentwicklung des Gangs, auch Buben dürfen in den Ballettunterricht gehen. Was man dort lernt, kann man prima auch in allen Ballspielsportarten umsetzen.
Wer so in jungen Jahren gelernt hat, dass Bewegung Spaß macht, wird immer wieder darauf zurückkommen, auch wenn mal eine längere Pause eingelegt wird.

Sportliche Kinder sind beweglicher, körperlich wie geistig, sind kommunikativer und gesünder und werden meist sportliche Erwachsene mit einer längeren Lebenserwartung und Fitness. Sportverletzungen fallen im Übrigen volkswirtschaftlich bei weitem nicht so gravierend ins Gewicht, wie Herz-Kreislauferkrankungen in späteren Jahren.

Erstaunlicher Weise wissen sehr viele Menschen, auch Politiker, von dieser Geschichte – aber sie reagieren nicht darauf. Warum wohl? Weil man meist nur die Volkswirtschaft im Auge hat und die ist doch wichtig für uns alle …

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