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Sicherheit bei Tourenbindungen

Mit dem Boom beim Freeriden und Skitourengehen verbessert sich ständig die Sicherheitstechnik. Helme, Protektoren und mittlerweile auch Lawinenairbags gehören neben LVS-Gerät, Sonde und Schaufel zur unverzichtbaren Sicherheitsausrüstung. Aber was ist eigentlich mit den Tourenbindungen? Was hilft die perfekte Lawinenausrüstung, wenn im Gelände die Bindung fehlerhaft auslöst?!

Speziell bei Tourenbindungen besteht in Bezug auf eine zertifizierte Sicherheitsauslösung noch Verbesserungsbedarf. Woran liegt das?
Um das Verletzungsrisiko durch eine optimale Bindungsauslösung bei Sturz zu minimieren, muss die Bindung genau dann auslösen, wenn der fixierte Ski am Fuß das Bein in seiner Drehbewegung zu blockieren droht. Eine Skibindung muss daher zwei grundlegende Funktionen erfüllen: Sie muss den Skistiefel zuverlässig in der Bindung halten und dennoch im Falle eines Sturz im richtigen Moment auslösen.
Eine Alpinbindung besteht bekanntlich aus einem Vorderbacken und einem Fersenelement. Für eine optimale Bindungsauslösung muss in erster Linie ein Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Bauteilen bestehen, der sogenannte Anpressdruck. Dieser presst – ausgehend vom Fersenteil – den Skistiefel in den Vorderbacken. Der Skistiefel ist aufgrund der mechanisch arbeitenden Federn in den Bindungskomponenten in alle Richtungen minimal beweglich. Übertrifft nun eine von außen einwirkende Kraft eine bestimmte Schwelle, dann löst die Bindung aus und gibt den Stiefel frei. Der „Z-Wert“ bestimmt dabei die zur Auslösung der Bindung notwendige Kraft und damit den Zeitpunkt der Bindungsauslösung. Die individuell notwendige Höhe des Z-Werts ist von verschiedenen Faktoren abhängig: Objektive wie Alter, Gewicht, Geschlecht und Fahrkönnen, subjektive wie Geschwindigkeitsniveau oder bevorzugtes Gelände und auch äußere wie Schnee- und Materialbeschaffenheit (gewaxte Ski!).

Bei Touren- und Freeridebindungen gibt es derzeit zwei Bindungssysteme: Das leichtgewichtige, rahmenlose Pin-System und die bisweilen schwere, abfahrtsorientierte Rahmen- oder Stegbindung.
Die Vorteile des PinTech-Bindungssystems ergeben sich aus dem geringen Gewicht der Bindung und der niedrigen Standhöhe und präzisen Kraftübertragung beim Fahren. Problematisch ist allerdings, dass die Auslösung bei einem Sturz nicht DIN normiert und damit deutlich risikobehaftet ist. Aber aufgrund des Gewichtsvorteils gehen Tourengeher häufig dieses erhöhte Risiko einer Fehlauslösung ein.
Das schwerere Konzept der Stegbindungen punktet dagegen mit einfachem Handling und Abfahrtsperformance – aber vor allem mit einer zertifizierten Sicherheit bei der Auslösung durch wesentlich genauer einstellbare Z-Werte. Das Gewicht einer Rahmenbindung liegt jedoch deutlich über einer Pin-Bindung. Gesucht wird also ein Kompromiss zwischen Gewicht und Gehkomfort einer Pin-Bindung und dem Fahrkomfort und Sicherheitsniveau einer Rahmenbindung.

Etablierte Hersteller wie Dynafit,

DYNAFIT_Radical_2_ST

 

 

 

 

Marker

MARKER_Kingpin

 

 

 

 

oder der Schweizer Bindungshersteller Diamir

 

Vipec_Black_Dynamic_Front_Blue_2015-16_HR

 

 

 

 

reagieren auf diese Problematik mit neu entwickelten und zertifizierten Tourenbindungen mit definierter Auslösung auf Basis des Pin-Systems. Zu den Beispielen zertifizierter Pin-Bindungen zählen Modelle wie die Beast und die Radical von Dynafit, das Marker Kingpin und die Vipec 12 von Diamir.

 

Ein ganz neues Konzept stellt gerade das Startup Bavarian Alpine Manifest GmbH (kurz B.A.M.) aus Bayern vor mit seinem neuartigen Bindungskonzept „PINDUNG®“:

pindung1

Dabei handelt es sich – vereinfacht gesagt – um eine Kombination aus rahmenlosen Pin- mit konventioneller Alpinbindung. Das Pin-System im Vorderbacken ist nur im Aufstieg aktiviert, für die Abfahrt wird die PINDUNG® zu einer zertifizierten Alpinbindung mit geprüftem Z-Wert umgestellt. Dieses vielversprechende Bindungskonzept ist derzeit nur als Prototyp zu sehen, aufgrund von erfolgreicher Crowdfunding-Basis wird die Produktion 2016 beginnen.

Quellenangaben:
DSV Aktiv: „Skibindung als Sicherheitsfaktor – DSV-Sicherheitsexperte Andreas König im Interview“, unter:
http://www.ski-online.de/mitgliederservice/tipps-infos/detail/288.html (abgerufen am 26.11.2015).
Kern, Andreas: „Skitouregehen – Nie wieder Bindungsängste“, unter: http://www.nzz.ch/lebensart/reise/nie-wieder-bindungsaengste-1.18232318 (abgerufen am 26.11.2015).

5 Kommentare

  1. Silvio Solimini sagt:

    Hallo,

    letzten Dienstag ist meine Frau mit einer Dynafit ST Rotation 10 und eingestellten Z-Wert von 4,5, bei Sohlenlänge von 296 (weil Sie Anfängerin ist), in langsamer Fahrt gestürzt und die Bindung am rechten Ski hat nicht ausgelöst!! Die linke Bindung hat dagegen ausgelöst.
    Das Ergebnis: ein gerissenes Aussenband am rechten Fuss und eine Innenbandruptur am rechten Knie. Nächsten Dienstag wird sie operiert…
    Die Einstellung der Bindung ist in Seefeld in einen renomierten Sportgeschäft überprüft worden. Die Bindung funktioniert bei der Prüfung durch Rotation am Schuh perfekt. Sie hat auch mind. 3 mal in der Praxis ausgelöst, nur das letzte mal nicht, mit verherenden Folgen.
    Um ehrlich zu sagen, bin ich nachdem ich mein Vorschreiber gelesen habe, ziemlich verunsichert was die Sicherheit dieser Ausrüstung angeht.

    • dslvbayern sagt:

      Wir haben auch Ihre Nachricht an den Hersteller weiter geleitet.
      Ohne eine Antwort des Herstellers vorweg zu nehmen: Stürze bei relativ niedriger Geschwindigkeit beinhalten unabhängig von Hersteller, Bindungstyp oder Einstellungswert immer die Gefahr von Verletzungen. Dies liegt daran, dass durch die Flexibilität des menschlichen Körpers die auftretenden Kräfte auf immer mehr “Komponenten” verteilt werden, bis schließlich eine Komponente (im Falle Ihrer Frau das Außenband) aufgrund eines “unnormalen” Kraftverlaufs diese Kraft nicht mehr standhält: Ein Kletterseil können Sie etwa mit rund einer Tonne belasten, ohne dass etwas passiert. Wenn Sie in diesem Zustand aber mit recht wenig Kraft auf dieses Seil klopfen, würde es sofort reißen.

  2. Stefan sagt:

    Das hört sich so an als wenn der Ski sich so durchgebogen hat dass die Stifte ausgefädelt sind und beim Belasten der Schuh so weit runter getreten wurde, dass beim Zurückbiegen des Ski sich die Stifte auf den Schulrand aufgesetzt und ihn somit fixiert haben.

  3. Wolfgang Haas sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren
    Ich hatte am am letzten Sonntag einen Skiunfall mit der Folge von beiden komplett abgerissen Archillessehnen.
    Die Dynafit Pin binding hatte gar nicht ausgelöst trotz richtiger Einstellung.!
    Durch einen harten Schlag nach unten bei hoher Geschwindigkeit im Neuschnee ist der ganze Absatz unter die hinteren Pins gesprungen! Gleich darauf bin ich in mit dem Skispitzen stecken geblieben.
    Bin nun für 6 Wochen an Rollstuhl gebunden. Bisher noch keine Antwort dazu von Dynafit

    Ich sehe es als vom Hersteller in kauf genommenrs Risiko das sich mit einem einfachen Sockel unter Absatz hätte ausschließen lassen.
    Ist ähnliches Problem bekannt?

    • dslvbayern sagt:

      Als erstes unseren besten Genesungswünsche! Manchmal tut Spoort einfach weh…

      Uns ist kein ähnlicher Vorfall bekannt – auch wenn ich aus Ihrer Beschreibung nicht ganz schlau werde.
      Aber wir haben Ihr Positing an Dynafit weiter geleitet und um Stellungnahme gebeten.

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