VON FRANKREICH LERNEN
25. Januar 2018
NACHWUCHSFÜHRUNGSKRÄFTE
25. Januar 2018

NULL RISIKO IST EIN…

… völlig unerwünschter und unnatürlicher Zustand.

Deutschland 2017 ist eine Welt, in der die Menschen so sicher und frei sind wie nie zuvor und die andererseits geprägt ist von einem indifferenten Angstgefühl und (medialer) Verunsicherung. Viele Wagnisse, die früher elementarer Bestandteil des Lebens waren, sind heute nicht mehr vorhanden. Kinder werden häufig mit dem Auto zur Schule gebracht, und viele Kinder werden rundum von „Helikoptereltern“ beim Aufwachsen überwacht.
Die WHO Empfehlung nach 60 Minuten täglicher körperlicher Aktivität wird von weniger als von 15 % der 11-17-Jährigen erfüllt (1). Es steigen die Mediennutzungszeiten auf mehrere Stunden, je nach Untersuchung bis zu durchschnittlich über vier Stunden pro Tag (2). Die körperliche Fitness 10-jähriger Kinder im 20-Jahres-Vergleich zwischen 1980 und 2000 zeigte eine Abnahme der Ausdauerleistungsfähigkeit, Sprungkraft und Flexibilität um 10-20% sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Ein Vergleich der Ergebnisse im Standweitsprung ergab einen Rückgang der Kraftfähigkeit um 14 % seit 1976 (3). Kinder und Jugendliche leiden heute zunehmend an Fettleibigkeit, Diabetes, Stoffwechsel und Gefäßerkrankungen sowie vielfältigen psychischen Auffälligkeiten (4).

Die kindliche Welt spielt heute vor allem digital. Der Bundesverband der Unfallkassen beklagt, dass die zur Unfallvermeidung erforderliche Fähigkeiten wie z.B. Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, psychomotorische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen bei einer steigenden Anzahl von Kindern nicht mehr ausreichend entwickelt sind. Je nach individuellen Lebens und Entwicklungsbedingungen wird für einen Anteil von 30 bis 50 % aller Grundschulkinder eine motorische Förderung für notwendig erachtet (5). Kinder können heute durchschnittlich Geschwindigkeiten und Abstände schlechter einschätzen und weniger gut Gleichgewicht halten. Dies führe zu mehr Unfällen bei alltäglichen Bewegungen, wie Treppensteigen (6). Nach Umfragen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungsgesellschaft und Ergebnissen der KIGGs-Studie können Kinder auch immer schlechter Rad fahren.
Unfälle und Risiken werden insgesamt weniger. Dabei treten risikoreiches Verhalten und Unfälle bei männlichen Jugendlichen und Männern signifikant häufiger auf. Zum Beispiel waren 2015 im Straßenverkehr Männer mehr als doppelt so häufig Hauptverursacher von Unfällen in Deutschland. Während Jungen und Mädchen unter 15 Jahren in der Bevölkerung fast gleich verteilt sind, gibt es bei den Unfalldaten große Unterschiede. Die Quote der tödlich verunfallten Jungen war 2015 doppelt so hoch wie die der Mädchen (7). Es sind große Unterschiede beim (sportlichen) Risiko-Verhalten von Mädchen und Buben und Männern und Frauen beobachtbar. Die nötigen Kompetenzen und Schutzfaktoren, um Kinder und Jugendliche vor Unfällen und risikoreichem Verhalten zu bewahren, können durch Sport und Bewegungsbildung gefördert werden, ergeben sich aber eher nicht von selbst. Vielmehr entfalten sich die protektiven und präventiven Potentiale des Sports durch geschlechtersensible pädagogische Arrangements und Interventionen (8).

 

Wer wagt gewinnt

Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern – wie ausdrücklich Art. 131 der Bayerischen Verfassung (BV) betont – sie sollen auch Herz und Charakter bilden. Die BV legt explizit die obersten Bildungsziele fest, wie zum Beispiel Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Selbstbeherrschung, Verantwortungsfreudigkeit, die Liebe zur bayerischen Heimat und die Achtung vor der Würde des Menschen. All das ist eine „Steilvorlage“ für praktische und konkrete Wagnisbildung. Es braucht Risikokompetenz und Mut, damit Menschen es wagen, die demokratischen Grundwerte ggf. auch zu verteidigen
Risikokompetenz und Wagniserziehung sind Teil der „Herz und Charakterbildung“, Teil des erzieherischen und pädagogischen Auftrags von Schule. So spricht der Lehrplan der Realschulen sowohl von „Menschen, die sich trauen“ und „erwachsen werden heißt das Leben in eigene Hände zu nehmen“ als auch der Lehrplan Sport im Gymnasium 2016 von: „im Sportunterricht lernen die Schüler etwas zu wagen, sich etwas zuzutrauen, mit Misserfolgen umzugehen und Ziele über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Dabei entwickeln sie ein positives Selbstkonzept, in dem Erfolgszuversicht, Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen verankert sind.“ Risiko ist immer präsent: im Leben wie auch im Sport. Risiko und Wagnis begleiten den Menschen immer schon auf der Suche nach neuen Lebensbereichen und Erfahrungen. Risikobereitschaft geht mit Lebensmut Hand in Hand. Menschen, die gelernt haben, Risiken einzugehen und zu akzeptieren, verteidigen nicht nur die freiheitliche Grundordnung der Gesellschaft, sie stellen sich auch den Fragen der Wissenschaft und der Forschung. Sie werden Erfinderinnen und Erfinder, Philosophinnen und Philosophen, Ingenieurinnen und Ingenieure, Friedensaktivistinnen und Friedensaktivisten usw.. Menschen mit Mut zum Risiko tragen erheblich zu einer funktionierenden Gesellschaft bei (9).
Risiko ist nicht immer beherrschbar. Schule ohne Umgang mit – möglichst kalkulierbaren – Risiken und Wagnissen verpasst einen wesentlichen Beitrag zur Lebenskompetenzentwicklung und zum Lebenserfolg, zur Gewinnung von mehr Freiheit, Lebensfreude und innovativer Kraft der ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen.

 

Lebenskompetenzen

Heute findet man vor allem das Wort: „Kompetenz“ in unserer Bildungslandschaft. Ziele im Sportunterricht sind nicht mehr nur die Entwicklung motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern liegen besonders im Erlangen verschiedener Kompetenzen.
So beschreibt neben den Lehrplänen auch der deutsche Qualifiquationsrahmen Kompetenzen als zentrale Ziel aller Bereiche des deutschen Bildungssystems, die den Lernenden den Erwerb einer umfassenden Handlungsfähigkeit ermöglichen. Es geht nicht um isolierte Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern um die Fähigkeit und Bereitschaft zu fachlich fundiertem und verantwortlichem Handeln.
Gemeint sind damit personale, soziale, fachliche und methodische Kompetenzen, die ein gesundes und zufriedenes Leben ermöglichen. Beispiele für solche Lebenskompetenzen oder Life skills sind: die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen, kreatives, kritisches Denken, Selbstwahrnehmung und Einfühlsamkeit, Kommunikationsfähigkeiten und die Fähigkeit zu zwischenmenschlichen Beziehungen, die Fähigkeit, mit Emotionen und Stress umzugehen und sie zu bewältigen (10). Diese und weitere Lebenskompetenzen bilden die Basis für ein gelingendes Leben.

 

Besondere Potentiale des Skilaufs

Skilauf war schon in den ersten „Lehrstoffplänen“ Bayerns 1949 (11) und gehört zum Pflichtunterricht im Schulsport in Bayern aus gutem Grund. Wie oben dargestellt, gehört es zum Bildungsauftrag von Schule bei den Schülerinnen und Schülern Risikokompetenz durch gezielte Wagniserziehung zu befördern. Gleichzeitig steht die Schule in einer hohen Verantwortung für die Sicherheit und dem Wohlergehen der anvertrauten Kinder und Jugendlichen. In diesem Spannungsfeld zwischen Wagnis und Verantwortung bietet der Skisport überdurchschnittlich viele Potentiale im Verhältnis zu den objektiven Gefahren.
Die Anzahl und Schwere der Unfälle im alpinen Skisport ist in den letzten Jahrzehnten ständig gesunken. Die Zahl von Unfällen pro Schneesporttag hat sich in den letzten 30 Jahren sogar ungefähr halbiert gemäß Snowsafety, Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Schweiz (12). Im Schulsport in Bayern passierten über 80 % aller Unfälle 2013/14 in der Sporthalle, weniger als zwei Prozent aller Unfälle auf der Skipiste (13). Dazu trägt auch bei, dass beim Stürzen auf glattem Schnee eine geringere Reibung besteht, als bei Stürzen auf hartem, rauem Untergrund. Energie kann in Rutschen umgesetzt werden, wodurch die Verletzungsgefahr deutlich geringer ist.

 

Umwelt und Natur

„Die Berge sprechen für sich selbst“ ist eine Erkenntnis des handlungsorientierten Lernens in der Natur. Skifahren findet in der Natur in der Umwelt der Berge statt. Beim Gleiten im Schnee verändern sich die Verhältnisse ständig und unterscheiden sich deutlich vom Alltag der Menschen. Das Gelände, die Beschaffenheit des Schnees, das Licht, die Farben, das Wetter, die Temperatur und die Piste ergeben eine instabile und Reiz-volle Umwelt. Alle Sinnesorgane werden angesprochen. Jeder Hang ist anders und stellt eine neue Herausforderung dar.

 

Setting

Im offenen ständig sich verändernden Setting beim Skifahren ergibt sich ein ständiges Wahrnehmen, Bewerten, Entscheiden und Handeln im ständig wechselnden Umfeld. Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung beeinflussen kontinuierlich die Handlung: Jedes Skierlebnis ist eine entscheidungsrelevante Erfahrung und verbessert die eigenen entscheidungsrelevanten Kompetenzen für die Zukunft. Jeder Hang ein Wagnis – Jede Kurve ein Erlebnis – Jede Abfahrt ein Erfolg.
Aufgrund der starken umweltbedingten Sinnesreize (Licht, glatter, sich ändernder Untergrund, Temperatur, Farben, Panorama) entsteht eine hohe Sensibilität und Emotionalität beim Skifahrenden. Zusätzlich wird beim Gleiten auf sich ständig änderndem Untergrund das Gleichgewichtssystem stark angeregt und die gesamte Körperkoordination für das Aus-Balancieren beansprucht. Der Skifahrende beschleunigt von selbst, gleitend und ohne Kraftaufwand. Koordination, Gleichgewichtssinn und Kraft werden zum Meistern der Beschleunigung und der Kurvenkräfte aufgewendet. Durch die individuelle Anpassung von Geschwindigkeit und Technik in der natürlichen Gleitumgebung ist Jede/r beim Skifahren erfolgreich. Jeder Hang ist ein neues Wagnis, jede Kurve ist ein neues Erlebnis und jede Abfahrt ist ein Erfolg.
Bei diesem intensiven Erleben von Unsicherheit, Risiko und Gelingen mit allen Sinnen entwickelt sich die Fähigkeit, mit Emotionen und Stress umzugehen. Dabei kann ein pädagogisch geplanter Skiunterricht mit reflektiven Elementen in einer gruppendynamisch sensibel geleiteten Schulclique den individuellen Kompetenzgewinn noch deutlich verbessern.

 

Sichere Mobilität

Beim Skifahren lernt man das Einschätzen von Abständen, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Bremskraft. Dies sind elementare Fähigkeiten für eine sichere Mobilität. Auch aus Sicht des Bundesverbands der Unfallkassen (14) kann Risikokompetenz für Mobilität vor allem durch gezielte Wagnisschulung entwickelt werden. Dafür sieht sie insbesondere den Gleitsport im Schnee als geeignet. Beim Ski- und Snowboardfahren entwickeln sich Grundfertigkeiten für eine sichere Mobilität, wie motorische Grundeigenschaften, Kondition, Kraft, Schnelligkeit und Koordination. Es bildet sich die Balance und das Gleichgewicht bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus und die Fähigkeit, die Lage des Körpers im Raum bei diversen Beschleunigungen wahrzunehmen und zu steuern. Die räumliche Wahrnehmung und das Einschätzen der Bewegung von anderen Personen formt sich durch die Einschätzung der anderen Skifahrenden auf der Piste. Andere Personen auf der Piste werden wahrgenommen und situativ und schnell wird das eigene Fahrverhalten angepasst. Die ständige Herausforderung durch die natürliche Umwelt „Berge ohne Abgrund sind keine Berge“ – schärfen alle Sinne, wie Geräusch, Temperatur und Lichtwahrnehmung. Auch das ist wichtig für eine sichere Mobilität.
Wie anfangs dargestellt, fehlt es den Menschen in unserer hochtechnologisierten Welt offensichtlich an erlebbaren Wagnissen und körperlichen Herausforderungen. Insbesondere der Gleitsport im Schnee bietet dafür herausragende Bedingungen und große (pädagogische) Chancen bei minimierbaren Risiken.
Für den individuellen Kompetenzgewinn ist das Leistungsniveau des Skifahrenden wenig relevant, denn die ständig neuen Wagnisse subjektiv wahrnehmbare Herausforderung mit Reiz des ungewissen Ausganges bei kalkulierbarer Gefahr erweitern die Handlungskompetenz unabhängig von der objektiven sportlichen Fertigkeit.
Schneesport bietet also eine optimale Möglichkeit für Wagnisbildung. Bereits das einfache Bewegen im Schneesport, mit den sich ständig verändernden Bedingungen, stellt für Kinder und Jugendliche eine permanente Herausforderung mit unsicherem Ausgang (Wagnis) dar. Das Bewältigen dieser Situationen führt bereits zu vielfachen positiven Aspekten.

Gekürzte Fassung von „Gleitsport im Schnee – Chancen für die Wagnisbildung“, Barbara Roth & Andrea Kaufmann, in Schriften der ASH, Band 24: Skilauf und Snowboard in Lehre und Forschung (24), S. 69 ff, Hrsg: Ingrid Bach 2017, ISBN: 978-3-88020-660-1

 

(1) Manz et all, KIGGS Studie, Welle 1, Robert-Koch-Institut, 2014, http://edoc.rki.de/oa/articles/reLdNZIuhBgmc/PDF/22pI9MzdGXp6.pdf (2017_12_10)
(2) vgl. KIM Studie 2016, Statista, Infratest, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Kindergesundheit Info
(3) Graf, Christine: Stellungnahme im Auftrag der Kommission Kinder- und Jugendsport der DGSP DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR SPORTMEDIZIN UND PRÄVENTION: Die Rolle der körperlichen Aktivität im Kontext der kindlichen Adipositas
(4) Gemäß dem Bayerischen Kindergesundheitsbericht weißen rund 25 % der Kinder in der 4ten Klasse psychische Auffälligkeiten auf (Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege 2015, S. 52)
(5) vgl. auch Dordel, Sigrid / Kunz, Thorsten: Chancen motorischer Förderung zur Prävention von Kinderunfällen, Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. Bonn, 2005
(6) Dordel, S, Kunz, T: Bewegung und Kinderunfälle, Chancen motorischer Förderung zur Prävention von Kinderunfällen, Hrsg.: Bundesverband der Unfallkassen, 2005, GUV-SI 8074
(7) Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder 2015
(8) Lipowski, Mariusz, Małgorzata Lipowska, Magdalena Jochimek, and Daniel Krokosz. “Resiliency As a Factor Protecting Youths From Risky Behaviour: Moderating Effects of Gender and Sport.” European Journal of Sport Science 16.2 (2016): S. 246-255. Und: Brandl-Bredenbeck, Hans-Peter, and Wolf-Dietrich Brettschneider. “Sportliche Aktivität Und Risikoverhalten Bei Jugendlichen.” Erster Deutscher Kinder- Und Jugendsportbericht 2003: S. 235-253
(9) Burger, Klaus: »Risiko, warum nicht? Gedanken zu Risiko, Freiheit und Tod«‚ aus: Bergundsteigen 2/2011
(10) vgl.: WHO (1993): Life skills education in schools, WHO/MNH/PSF/93 7A,Geneva; http://www.gesundheitsfoerderung.ch/en/knowhow/literature/default.asp (4. März 2008)
(11) Geßmann, Rolf: Richtlinien und Lehrpläne für den Schulsport in den Ländern der BRD und in der DDR, 1945 -2007, Sportverlag Strauß 2008, S. 67
(12) Snowsafety Leitfaden 2010, Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Schweiz: http://www.skiarena.ch/fileadmin/images/PDF/Snowsafety_Leitfaden_D.pdf
(13) Hofmann, R, Hübner, H: Das schulsportliche Unfallgeschehen im Freistaat Bayern im Schuljahr 2013/14, Schriften zur Körperkultur, Band 71, Hrsg: Prof. Hübner, Uni Wuppertal
(14) Dordel, Sigrid, Kunz, Torsten: Bewegung und Kinderunfälle – Chancen motorischer Förderung zur Prävention von Kinderunfällen, GUV-SI 8074 (2005)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.