G’SUNDBLEIM – WOHLFÜHLEN

Zur Bedeutung der körperlichen Aktivität für unsere Gesundheit

Standen bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts mehrheitlich Tätigkeiten mit einem hohen Anteil körperlicher Arbeit im Vordergrund der Erwerbstätigkeit und des täglichen Lebens, so hat sich das Anforderungsprofil durch zunehmende Automatisierung und den Wandel zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft radikal gewandelt. Die Diskrepanz aus einem veränderten Bewegungsverhalten und unserem evolutionären genetischen Erbe, das auf körperliche Aktivität ausgelegt ist, resultieren enorme Implikationen für die Gesundheit.

Im Vergleich zu inaktiven Personen, haben Personen, die einen Umfang von mindestens 2,5 Std. moderater körperlicher Aktivität pro Woche aufweisen, ein um 19% geringeres Mortalitätsrisiko. Personen, die ein Aktivitätsniveau von 7 Std. moderater Aktivität pro Woche aufweisen reduzieren ihr Gesamtmortalitätsrisiko sogar um 24%(1). Intensivere Aktivitäten sind hierbei mit größeren gesundheitlichen Effekten assoziiert. Eine Metaanalyse von 80 betrachteten Kohortenstudien und insgesamt mehr als 1,3 Mio. eingeschlossenen Personen zeigte ein um 35% reduziertes relatives Mortalitätsrisiko in der höchst aktiven Gruppe, verglichen mit den am geringsten aktiven Personen. Jede zusätzliche Stunde intensiver körperlicher Aktivität reduzierte das Mortalitätsrisiko um 9% und jede Stunde moderate Aktivität um 4%(2). Auf Grundlage der verfügbaren Literatur kann davon ausgegangen werden, dass insbesondere bei zuvor inaktiven Personen bzw. bei Personen mit nur geringer körperlicher Aktivität der größte gesundheitliche Nutzen durch eine Steigerung der Gesamtaktivität zu erwarten ist(3).
Aktive Personen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozioökonomischem Status, weisen geringere Raten koronarer Herzerkrankungen, Schlaganfall, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Bluthochdruck, metabolischem Syndrom, Brust- und Darmkrebs und Depressionen auf. Die wissenschaftliche Datenlage unterstützt zusätzlich die Schlussfolgerung, dass körperlich aktive Erwachsene ein höheres Maß an kardiorespiratorischer und muskulärer Leistungsfähigkeit, eine gesundheitsförderlichere Körperzusammensetzung sowie günstigere Blutwerte zur Prävention von kardiovaskularen Erkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2 sowie zur Verbesserung der Knochengesundheit aufweisen. Moderater wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis besteht für die Annahme, dass körperliche Aktivität positive Auswirkungen auf die Schlafqualität und die gesundheitsbezogene Lebensqualität hat(4).

Fasst man die dargestellten positiven Effekte körperlicher Aktivität zusammen, so ist festzustellen, dass körperliche Aktivität ein breites Wirksamkeitsspektrum vor allem in der Prävention von chronischen und langwierigen Erkrankungen aufweist.
Körperliche Inaktivität ist aktuellen Erkenntnissen zufolge ursächlich für 4,2% – 19,2% aller Todesfälle innerhalb der Europäischen Union, für 7,5% in Deutschland und für 6% aller Todesfälle weltweit. 10% der bedeutendsten chronischen nichtübertragbaren Krankheiten (NCD) wie die koronare Herzkrankheit, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Brust- und Darmkrebs können auf einen Mangel an körperlicher Aktivität zurückgeführt werden. Nach einer Hochrechnung könnten weltweit bis zu 533.000 Todesfälle vermieden werden, wenn eine Reduktion der körperlichen Inaktivität um 10% erreicht werden könnte bzw. bis zu 1,3 Millionen bei einer Reduktion um 25%(5).
Neben dem Umfang körperlicher Aktivität, stellt die körperliche Fitness eine weitere Größe zur Abschätzung gesundheitlicher Effekte dar. Körperliche Aktivität und körperliche Fitness sind eng miteinander verbunden, da die körperliche Fitness mehrheitlich, aber nicht ausschließlich, durch das Aktivitätsverhalten bestimmt wird. Werden Umfang, Intensität und/oder Frequenz der körperlichen Aktivität gesteigert, so verbessert sich in der Regel auch der Fitnesszustand. Allgemein kann davon ausgegangen werden, dass der individuelle Fitnesszustand einen stärkeren Effekt auf die Gesundheit hat als der reine Aktivitätsumfang(6).

Körperliche Aktivität und die körperliche Fitness, als eine Komponente der körperlichen Aktivität, stellen demnach ein enormes Potential sowohl zur Prävention zahlreicher, insbesondere chronischer Erkrankungen dar. Nach wie vor gilt die körperliche Aktivität als eine der am besten modifizierbaren Komponenten der Gesundheitsförderung. Auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Evidenz zur Wirksamkeit von körperlicher Aktivität und körperlichem Training werden demnach regelmäßig Bewegungsempfehlungen für gesundheitswirksame körperliche Aktivität herausgegeben.

Erwachsene (18-64 Jahre) sollen sich entsprechend den internationalen Empfehlungen der WHO mindestens 150 Minuten pro Woche mit mindestens moderater Intensität bzw. 75 Minuten/Woche intensiv bewegen und zusätzlich zweimal pro Woche Kräftigungsübungen für die Hauptmuskelgruppen durchführen(7). Was heißt moderat? Alle Aktivitäten, die den Herzschlag deutlich erhöhen und die Atemtiefe und –frequenz steigern. Hierzu zählen beispielsweise Radfahren, zügiges Spazierengehen (Bsp. Walking/Nordic Walking) aber auch Gartenarbeit.

Für Kinder und Jugendliche (5-17 Jahre) empfiehlt die WHO Bewegungszeiten von mindestens 60 Minuten (moderat bis intensiv) pro Tag. Aktuelle nationale Bewegungsempfehlungen gehen hier noch etwas weiter und differenzieren stärker nach unterschiedlichen Altersgruppen. Kinder im Vorschulalter (4-6 Jahre) sollen demnach insgesamt eine Bewegungszeit von 180 Minuten pro Tag erreichen, ab dem Grundschulalter (6-18 Jahre) gilt es Aktivitätszeiten von mindestens 90 Minuten moderater bis intensiver Intensität pro Tag zu erzielen. Es wird eine Kombination aus angeleiteter und unangeleiteter (Alltagsaktivität) Bewegungszeit empfohlen(8).
Allgemein, und dies gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche, sollten nach Möglichkeit längere Phasen der Inaktivität (Bsp. durch langes Sitzen) vermieden und durch kürzere oder längere Aktivitätspausen unterbrochen werden.

Leider erreichen, je nach Untersuchung und Datenquelle, nur etwa 20%-45% der Erwachsenen die Aktivitätsempfehlungen der WHO(9, 10). Bei den Kindern und Jugendlichen gilt, je älter sie werden, umso geringer wird der Anteil der Kinder, die die empfohlenen Aktivitätszeiten erreichen. Auf Basis von Befragungsdaten der Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit (KiGGS) des Robert Koch-Instituts (RKI) aus den Jahren 2009-2012, erreichen noch ca. 50% der Jungen und Mädchen im Vorschulalter (3-6 Jahre) die WHO Empfehlungen. Mit dem Schuleintritt (7-10 Jahre) reduziert sich dieser Anteil jedoch bereits auf ca. 30% und bei den Jugendlichen im Alter 14-17 Jahren sind nur noch ca. 15% der Jungen und 8% der Mädchen ausreichend körperlich aktiv(11).

Dies erscheint insbesondere bei den Kindern und Jugendlichen als ein ernstes Problem, denn Verhaltensmuster, die sich in frühen Jahren entwickeln prägen höchstwahrscheinlich auch das Verhalten im späteren Erwachsenenalter.

 

Prof. Dr. Lars Gabrys
Fachhochschule für Sport und Management Potsdam (FHSMP)
Gesundheitssport und Prävention

Am Luftschiffhafen 1
14471 Potsdam

 

Literatur:
1. Woodcock J, Franco OH, Orsini N et al. (2011) Non-vigorous physical activity and all-cause mortality: systematic review and meta-analysis of cohort studies. International Journal of Epidemiology 40(1):121-138
2. Samitz G, Egger M, Zwahlen M (2011) Domains of physical activity and all-cause mortality: systematic review and dose–response meta-analysis of cohort studies. International Journal of Epidemiology 40(5):1382-1400
3. Wen CP, Wai JPM, Tsai MK et al. (2011) Minimum amount of physical activity for reduced mortality and extended life expectancy: a prospective cohort study. The Lancet 378(9798):1244-1253
4. Physical Activities Guidelines Advisory Committee (2008) Physical activity guidelines advisory committee report. Washington (DC): US Department of Health and Human Services
5. Lee IM, Shiroma EJ, Lobelo F et al. (2012) Effect of physical inactivity on major non-communicable diseases worldwide: an analysis of burden of disease and life expectancy. The Lancet 380(9838):219-229
6. DeFina LF, Haskell WL, Willis BL et al. (2015) Physical activity versus cardiorespiratory fitness: two (partly) distinct components of cardiovascular health? Progress in cardiovascular diseases 57(4):324-329
7. World Health Organization (WHO) (2010) Global recommendations on physical activity for health. Geneva, Switzerland
8. Rütten A, Pfeifer K (2016) Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. FAU, Erlangen-Nürnberg
9. Krug S, Jordan S, Mensink G et al. (2013) Körperliche Aktivität – Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt 56:765-771
10. Finger JD, Mensink GB, Lange C et al. (2017) Gesundheitsfördernde körperliche Aktivität in der Freizeit bei Erwachsenen in Deutschland. Journal of Health Monitoring 2(2):37-44
11. Robert Koch Institut (Hrsg.) (2014) Körperliche Aktivität. Faktenblatt zu KiGGS Welle 1: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Erste Folgebefragung 2009-2012. RKI, Berlin

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