Fussball – eine Randsportart?

Viele guten Gespräche, nicht nur im Sport, beginnen bei einem gemeinsamen Getränk. In diesem Fall war das ein Bier auf der Wiesn 2015 anläßlich der Einladung zum sportpolitischen Gespräch der SPD als zufällig neben einander Jürgen Igelspacher, Geschäftsführer des Bayerischen Fußball-Verbands e.V. und Barbara Roth, DSLV, natürlich über Sport sprachen und da war dann irgendwann auch das Thema beim Nachwuchs und den Erfolgen der Frauen im Fussball. Auch wenn dies aus Sicht der beiden komisch klingt, so wird immer wieder von Außenstehenden so getan, als sei Mädchen- und Frauenfußball eine Randsportart. Aber von einer exotischen Randsportart zu sprechen ist absurd, wenn man/frau auf die absolute Zahl der aktiven Fussballspielerinnen sieht. Signifikant ist allerdings, dass gegenüber anderen Sportarten, der weibliche prozentuale Anteil deutlich geringer ist. Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht dies:

Vergleich der Mitgliederzahl von Frauen und Männern in DOSB Sparten in Deutschland und Bayern

Deutschland:

Bestandserhebung DOSB 11/2014 Mitglieder BRD davon weiblich In %
1. Fußball 6851892 1090240 16
2. Turnen 5018819 3450911 69
3. Tennis 1445117 587098 41
4. Handball 786748 294013 36
5. Golf 637735 238071 36
6. Volleyball 446177 230640 52
7. Basketball 192164 51820 27

Bayern:

Bestandserhebung BLSV Mitglieder in Bayern davon weiblich In %
1. Fußball 1561508 223895 14
2. Turnen 837184 604743 71
3. Tennis 319685 126174 39
4. Handball 90024 35701 40
5. Volleyball 76863 40475 53
6. Golf 57890 22321 39
7. Basketball 39188 10202 26

Der Frauen- und Mädchenfußball ist also nach der Zahl seiner Mitglieder ein wichtiger Bestandteil des Gesamtsports:
Wäre der Frauen- und Mädchenfußball in Bayern ein eigener Sportverband, wäre er der fünft-größte Sportverband in Bayern – zum Beispiel größer als Männer- und Frauenleichtathletik zusammen und größer als Männer- und Frauenhandball zusammen. Keiner käme auf die Idee Leichtathletik oder Handball als Randsportarten zu bezeichnen.

 

Top10-Sportverbände in Bayern Mitglieder
1. Männerfußball 1324997
2. Turnen 837184
3. Tennis 308212
4. Skisport 275010
5. Frauenfußball 223895
6. Leichtathletik 138505
7. Eissport 104613
8. Tischtennis 94461
9. Reiten 94331
10. Handball 85846
11. Schwimmen 84936

 

Der Großraum München kann nicht mithalten

In München gibt es – verglichen mit anderen großstädtischen Ballungsräumen – weniger Mädchen- und Frauenmannschaften. Gegenüber dem Bayerischen Fussballverband betonen Vereine in München immer wieder, dass ihnen die Spielflächen bzw. die zur Verfügung stehenden Spielzeiten nicht ausreichen, um neue Mannschaften zu etablieren oder diese in der geregelten Spielbetrieb zu integrieren. Dies trifft insbesondere die Mädchen, warum auch immer.

Sehr gut sichtbar wird das, wenn die Mannschaftszahlen verglichen werden. Nürnberg hat rund 0,5 Million Einwohner, München hat drei mal so viel Einwohner, nämlich 1,5 Millionen. Die Anzahl der Frauen- und Mädchenfußballmannschaften sind aber sehr nah beieinander:

Mannschaftszahlen Frauen- und Mädchen Frauen Juniorinnen Gesamt
Kreis München 58 124 182
Kreis Nürnberg 53 95 148
BFV insgesamt 709 1198 1907

Für den Sportunterricht ergeben sich diverse Aufgabenstellungen. Zum einen ist es an der Zeit Allen gleichermaßen den Zugang zum Fussball zu eröffnen, egal welchen Geschlechts. Nicht alle Buben mögen „immer“ Fussball und nicht alle Mädchen mögen „immer“ Tanzen. Die Vielfalt innerhalb der Gruppe der Buben und Mädchen ist viel größer als wir alle durchschnittlich wahrnehmen. Die pädagogische Herausforderung dabei ist, jedes Kind gemäß den individuellen Neigungen und Interessen zu fördern und damit einen Ausgleich zu den starken gesellschaftlichen und begrenzenden Einflüssen zu bieten. Zudem bietet Fussballsportunterricht große Chancen zur Reflektion der geschlechtsspezifischen Muster und Verhaltensweisen von jedem Kind. Das hilft den Schülerinnen und Schülern später auch die für sie individuell richtige Berufsentscheidung zu treffen.
Ganz davon abgesehen, bietet sich beim Thema Fussball aktuell natürlich an auch über die großen Geschäfte mit dem organisierten Sport fächerübergreifend zu diskutieren: über die FIFA, Korruption, Bestechung und vielleicht auch über das Scheitern von Olympischen Spielen in Deutschland. Oder auch darüber warum im Bayerischen Rundfunk über 50 % der Sportsendezeit von vor allem von Männern gespielten Fussball geht, obwohl das doch ein öffentlich rechtlicher Sender ist. Und obwohl der BR der Vielfalt verpflichtet ist und die gesamte bayerische Sportkultur abbilden soll. Diese Themen müssen ja nicht jede/n Sportlehrer/in interessieren.

Für den gelingenden Fussballunterricht mit Spass gibt es ganz praktische Umsetzungstips und die nötige Theorie dazu in der Fussballfortbildung des DSLV mit Sebastian Hoven, Sportlehrer an einem Gymnasium, der derzeit über geschlechtersensiblen Umgang mit Heterogenität im Sport eine Dissertation verfasst. Er hat zusammen mit einer ehemaligen Spitzen-Fussballerin, Gitta Axmann, Dipl. Sport., Mitarbeiterin Sporthochschule Köln, das Fortbildungskonzept erstellt hat.

 

 

Autor_innen:
Jürgen Igelspacher, Geschäftsführer, Bayerischer Fußball-Verband e.V.
Barbara Roth, Präsidentin DSLV Bayern e.V.

 

Mehr Hintergrundinformationen zum Fussball und der gesellschaftlichen Entwicklung und Bedeutung dieses Sports in Deutschland bei der Bundeszentrale für politische Bildung:
https://www.bpb.de/izpb/8746/fussball-mehr-als-ein-spiel
https://www.bpb.de/gesellschaft/sport/graue-spielzeit/

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